Univ.-Prof. Dr. Andreas Karwautz

Turalsky — Lust auf Leben

Dorothee Turalsky—Lust auf Leben. 2004, Centaurus Verlag, ISBN: 3825504670.
Rezension von Kristina Kokta.

Im Zentrum dieser Autobiographie steht die Heilung einer Anorexie mit Hilfe einer Körperpsychotherapie. Dorothee Turalskys lebensgeschichtlicher Hintergrund ist geprägt vom Suizid ihres Vaters, sowie davon, in einer Alkoholikerfamilie aufgewachsen zu sein. Im Vordergrund ihrer Krankheit steht aber nicht unbedingt zwanghaftes Abnehmen, sondern vielmehr Zwangshandlungen, Beziehungsprobleme, ihr kaum vorhandener Selbstwert und die mangelnde Fähigkeit, sich von anderen Leuten abzugrenzen („Nein-Sagen“). Die Gewichtskontrolle ist somit nur ein Symptom unter Vielen.

Dorothee Turalsky´s Krankheit beginnt viele Jahre nach dem Tod ihres Vaters, als sie schon lange nicht mehr zu Hause lebt. Sie scheint ein normales Leben zu führen, arbeitet als Erzieherin, hat einen großen Freundeskreis sowie ernsthafte Beziehungen mit Männern. Trotzdem merkt sie, das sie damit nicht zufrieden ist. Ihre Beziehungen halten nie lange, da sie sich einerseits aus Angst vor Erwartungen und Ansprüchen zurückzieht und andererseits vermeidet, diejenige zu sein, die sie beendet, um die Gefühle ihrer Partner nicht zu verletzen. Das ist auch der Grund dafür, dass sie keine wirklich engen Freunde hat – sie lebt in einem ständigem Zwiespalt zwischen dem, was ihr Bauchgefühl ihr sagt und  dem, was ihr Kopf ihr rät.

Schließlich beginnt sie, immer weniger zu essen, um wenigstens in einem Bereich ihres Lebens die totale Kontrolle über sich zu haben. Gleichzeitig erkennt sie aber, dass sie sich endlich der Vergangenheit stellen muss, um ein glückliches, erfülltes Leben führen zu können und beginnt eine Therapie. Schnell fasst sie Vertrauen zu den Therapeuten und den anderen Teilnehmern der Gruppe. Nach und nach gelingt es ihr auch außerhalb der Therapie, ihr Leben so zu ändern, dass  sie wieder Spaß, Freude und Sinn in ihrem Dasein empfinden kann. „Die Therapie soll mir unter anderem helfen gelassener, selbstbewusster in Beziehungen sein zu können, sie zu beenden oder neue zu probieren. Außerdem dient die Magersucht dazu, Gefühle zu vermeiden. Die Therapie trägt dazu bei, Gefühle zuzulassen und „lebendiger“ zu werden.“ (TURALSKY 2004, S.39)

Ihre 15-jährige Therapieerfahrung (Einzel- und Gruppentherapie) beschreibt die Protagonistin in einer chronologisch geordneten Reihenfolge, wobei sie einen Wechsel zwischen Gedanken/Gefühlen und fachlichen Erklärungen benutzt. Ein ganz Wichtiges der angesprochenen Themen ist der Unterschied zwischen Verstand und Gefühl. Anorektiker sind oft Menschen, die viel nachdenken aber verlernt haben sich selbst zu spüren.

Da einem beim Lesen der  Erkenntnisse der Autorin selbst viel bewusst wird, bin ich der Ansicht, dass dieses Buch hervorragend für Anorexiepatienten geeignet ist. Durch eine intensive Arbeit und Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Vergangenheit, gelingt es der Autorin, sich nach und nach von einengenden Verhaltensmustern zu befreien und wieder das Leben zu genießen.