Die Prävalenz von Essstörungen gemäß DSM-IV und gestörtem Essverhalten bei Jugendlichen mit Typ-1 Diabetes mellitus ist in Österreich bisher kaum untersucht. Auch international sind bis auf 1 Studie lediglich kleinere Gruppen von Jugendlichen untersucht worden. Dabei wurde eine etwa doppelt so hohe Prävalenz von Essstörungen bei Jugendlichen mit Diabetes gefunden. Auch ein Zusammenhang mit Massen metabolischer Kontrolle wurde bisher gefunden. Die hohe Rate schwerer Langzeitkomplikationen von Diabetikern mit schlechter metabolischer Kontrolle ist bekannt, essgestörtes Verhalten gilt als einer der möglichen Gründe für besonders schlechte Diabeteseinstellung bei Jugendlichen. Neben den epidemiologischen Aspekten des Projektes sind aber auch besonders Aspekte der Persönlichkeit, des Copings, der Lebensqualität und der Auswirkung der Erkrankung auf die Familie von grosser Wichtigkeit da ein bio-psycho-soziales Krankheitsmodell gültig ist.

 

Zur Prävalenz liegen zwar einige Studien aus europäischen (Schweden, Frankreich) und ausser-europäischen (Canada) Ländern vor. Die von uns untersuchte Gruppe ist allerdings die weltweit zweitgrößte Stichprobe. Zu den psychologisch/psychopatho-logischen bzw. entwicklungspsychopatho-logischen Einflüssen, und der Verknüpfung von Diabetes und Essstörungen über das beschreibende und zahlenmäßige hinaus sind bisher kaum Studien erschienen sodass unsere Arbeit als Novum angesehen werden darf.

 

Ziele der Studie waren folglich: (1) die Prävalenz und die klinischen Manifestationen von Essstörungen und ihren sub-syndromalen Varianten bei Jugendlichen mit Typ 1 Diabetes in Österreich zu erfassen, (2) Prädiktoren in Temperament und Charakter für die Entstehung von Essstörungen bei jugendlichen Diabetikern zu finden, (3) Copingstrategien und Lebensqualität zu erforschen, und (4) die Auswirkungen der Erkrankung auf die Familienmitglieder zu untersuchen.

 

Probanden und Methoden: Eine klinische Stichprobe von 251 Adoleszenten mit Typ-1 Diabetes wurde multizentrisch rekrutiert. 199 Adoleszente (96 Mädchen und 103 Knaben; mittleres Alter 14.1 (2.6) Jahre) wurden für Essstörungen gescreent (entspricht einer Teilnahmerate von 79.3 %). Danach wurden Essstörungsdiagnosen gemäß DSM-IV mittels Interview gestellt.

 

Ergebnisse: 11.5 Prozent der Mädchen und kein Knabe mit Typ 1 Diabetes hatten Essstörungen nach DSM-IV. 13.5 Prozent der Mädchen und 1% der Knaben hatten sub-syndromale Essstörungen und Probleme mit ihrer Gestalt. Mädchen mit Typ 1 Diabetes und einer klinischen bzw. subklinischen Essstörung hatten einen höheren Körper-Massen-Index (BMI) als die Mädchen ohne Essstörungen. Auslassen von Insulingaben war die wichtigste von den Mädchen eingesetzte körpergewichts-regulierende Massnahme. Niedrige Selbstlenkungsfähigkeit und hohe Schadensvermeidung wurden als Prädiktoren der Entstehung von Essstörungen gefunden. Die Probanden mit Essstörungen verwendeten vor allem Selbst-beschuldigung, Schulzuweisungen an andere und Wunschdenken als Copingstrategien, günstige Lösungsstrategien standen ihnen seltener zur Verfügung bzw. wurden als nicht so effektiv erlebt. Höhere Depressivität, geringere Lebensfreude, schlechterer Selbstwert waren bei dieser Subgruppe ebenfalls auffällig. Das gleichzeitige Vorhandensein einer Essstörung beeinflusste die Belastung durch die Diabetes-spezifischen Belastungen nicht.

Essstörungen und Diabetes
Ergebnisse

Univ.-Prof. Dr. Andreas Karwautz